Kommune im Altkreis vorne dran: Weikersheim hat jetzt zwei Stadtjäger in Dienst gestellt

Als erste Kommune im Gebiet der Kreisjägervereinigung Mergentheim hat Weikersheim ab sofort zwei Stadtjäger. Sie kommen bei Bedarf innerhalb bebauter Ortschaften zum Einsatz.

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Von Michael Weber-Schwarz

Weikersheim. Ganz einfach gesagt: Rund um eine Stadt gibt es Jagdbezirke, in denen ausgebildete Jäger mit gültigem Jagdschein auf die Pirsch gehen können. Die unmittelbaren Stadt- und Ortsbereiche sind dagegen so genannte befriedete Flächen. Hier darf nicht gejagt werden.

Sonderfall „Stadtjäger“ – nur sie können nach einer Zusatzausbildung und mit konkretem Auftrag auch innerhalb von Wohnbereichen jagen. Ihre Aufgaben sind rechtlich klar definiert. Zu Schussabgaben dürfte es aber nur in ganz seltenen Fällen kommen.

Iris und Holger Konrad aus dem Bad Mergentheimer Höhenort Löffelstelzen haben die Ausbildung zum Stadtjäger schon sein längerem durchlaufen. Sie sind erfahrene (ehrenamtliche) Jäger und gehen auch einem bürgerlichen Beruf nach. Seit einer umfangreichen Schulung nach den Richtlinien des Jagd-, Natur- und Wildtierschützerverbands Baden-Württemberg sind sie „geprüfter Stadtjäger“.

Jetzt hat sie Bürgermeister Nick Schuppert zu Weikersheimer Stadtjägern ernannt. Sie dürfen, auch mit Zustimmung des Gemeinderats, im urbanen Gelände jagen und grundsätzlich auch schießen. Das wird aber wegen der besonderen Sicherheitsanforderungen im Ortsbereich nur im begrenzten Bedarfsfall und in engster Abstimmung mit der Polizei erfolgen. „Ich habe innerhalb einer Ortschaft noch nie eine Schusswaffe gebraucht“, sagt Iris Konrad.

Wozu dann also zwei Stadtjäger? Um das „Erledigen“ lästiger Tauben auf dem Marktplatz geht es ebenso wenig, wie ums Dezimieren des besonders geschützten Bibers. Für den ist ohnehin auch weiter das Landratsamt zuständig.

Wo es Nahrung gibt, gibt’s Tiere

Doch wo der Mensch sich ausbreitet, geht das in die Natur hinein. Baugebiete, Gewerbeflächen: Vorher lebten dort Tiere. Auch die prinzipiell jagbaren Wildtiere. Und die lassen sich mitunter auch nicht so einfach aus ihrem Revier drängen. Gibt’s irgendwo auch noch Futter zu holen, stehen Fuchs, Wildsau, Reh oder Waschbär mitunter quasi auf der Matte. In solchen Fällen lohnt der Anruf im Rathaus, das dann die beiden Stadtjäger informiert und den Kontakt vermittelt.

„Die Gemeinde legt die Maßgaben fest“, daran erinnerte Bürgermeister Schuppert Iris und Holger Konrad in seiner amtlichen Belehrung vor der Einsetzung. Er sehe die neuen Stadtjäger als wichtige Dienstleistung der Stadt für die Bürger. Die Jäger seien „sehr willkommen, denn die Probleme werden größer“, so Schuppert. Müsse ein Tier aus einem Bereich vergrämt werden, dann brauche man gut ausgebildete Experten.

Katzenfutter wirkt magnetisch

Die setzen vor allem auf „Deeskalation und Kommunikation“. Im Jagdgrün mit geschulterter Flinte darf man sie bei vor Ort-Terminen jedenfalls nicht erwarten. Sie hören sich die geschilderten Problemfälle erst einmal an, analysieren die Lage und geben ihre Empfehlungen ab. Beispiel Marder auf dem Dachboden. Den muss man in der Regel nicht fangen, sondern es genügt, seine Zugänge wirksam zu verlegen. Fehlende Ziegel wieder eingedeckt – Problem erledigt. Auch ein zum Haus hinüberhängender Ast kann die Eintrittsroute für den nervigen (und stinkenden) Marder sein. Also: Ast absägen. Und: Katzenfutter auf der Veranda wirkt auch auf Nicht-Katzen magnetisch – also vermeiden.

Auch wenn der Fuchs im Innenbereich wildert und sich Hühner holt, genügen oft einfache Sicherungsmaßnahmen. Ein dichter Zaun oder einer mit Elektrifizierung: der Fuchs merkt sich einen kräftigen Schlag und kommt nicht wieder. Er wurde erfolgreich vergrämt, wie es im Fachjargon heißt.

Erst wenn solche technischen Lösungen keinen Erfolg bringen, können die Stadtjäger unmittelbar weidmännische Maßnahmen in Betracht ziehen. Aber – wichtig für potenzielle Anrufer mit einem Wildtier-Problem: Für den lästigen Karnickel, der am Kohl knabbert, sind die Konrads ebenso wenig zuständig, wie für Mäuse in der Wand. „Wir sind keine Schädlingsbekämpfer“, hält Holger Konrad fest.

Kastenfallen in fast allen Größen

Wenn eine Jagd aber sein muss, dann gibt es verschiedene Methoden im urbanen, bewohnten Gebiet. Bewährt ist die Jagd mit dem zahmen Frettchen (der Iltis dient quasi als Treiber in Kaninchenhöhlen) oder mit abgerichteten Greifvögeln (Beizjagd). Die dritte Variante ist das Fallenstellen – und darauf haben sich Iris und Holger Konrad spezialisiert. Schnapp- und Schlagfallen wie das aus Westernfilmen bekannte gezähnte Tellereisen kommen hier natürlich nicht zum Einsatz – sie sind in Deutschland schon seit 1934 verboten. 1995 wurden sie auch EU-weit geächtet.

Es sind Lebendfallen, die die Stadtjäger einsetzen. Solche kastenartigen Jagdfallen gibt es in allen tierspezifischen Größen. Gehen Marder, Waschbär und Co. über einen Tritt- oder Wippmechanismus ins „Netz“, nehmen die Stadtjäger die Falle samt Inhalt mit. Bei Rehen und vor allem Wildschweinen kann aber der scharfe Schuss notwendig werden – wie gesagt im urbanen Bereich nur in enger Abstimmung mit Stadtverwaltung und Polizeibehörde sowie unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Paragraf 3 der Unfallverhütungsvorschrift „Jagd“ gilt in Ortschaften ganz besonders: „Ein Schuss darf erst abgegeben werden, wenn sich der Schütze vergewissert hat, dass niemand gefährdet wird.“

 

Bildunterschrift:

Amtlich belehrt und in Dienst gesetzt (von links): Die neuen Stadtjäger Holger und Iris Konrad zusammen mit Bürgermeister Nick Schuppert und Michaela Knapp, Leiterin des Weikersheimer Ordnungsamts. FOTO: MICHAEL WEBER-SCHWARZ, Fränkische Nachrichten

 

Text und Bild mit freundlicher Genehmigung von Michael Weber-Schwarz.