Jagdkultur - Buchempfehlung im Juni 2017

"Das Gewicht des Schmetterlings" wurde schon mehrfach mit Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer" verglichen – nicht nur wegen der thematischen Nähe, sondern vor allem wegen der literarischen Qualität. Der Vergleich ist durchaus berechtigt.

Der letzte große Zweikampf zweier großer Kämpfer in einer archaischen Bergwelt: Wilderer gegen Gamsbock

Erstellt am 08.07.2017

Ein Epos muss keine kiloschwere Schwarte sein. Die Meister der kleinen Form, zu denen auch der 1950 in Neapel geborene Erri De Luca zählt, haben längst bewiesen, dass in dünnen und scheinbar leichten Büchern ganze Kosmen stecken können, philosophisch tief ausgelotete Welten:

Der König der Gämsen, einer der stolzesten Anführer, die das Rudel je hatte, spürt, dass er den jungen Böcken schon im Frühjahr nicht mehr gewachsen sein wird. Er, der einst sogar einen Adler getötet hat, erlebt seinen letzten Herbst und wird dann weichen müssen.

Auch der Jäger, ein Wilderer, der schon über 300 Gämsen erlegt hat, darunter die Mutter des damals noch jungen Bocks, spürt seine alten Knochen, doch ein Ziel hat er noch: Den König der Gämsen will er schießen.

Auf nur rund 70 Seiten entwickelt Erri De Luca eine Geschichte von existenzieller Wucht. Doch sie ist ganz zart und poetisch erzählt, denn hier geht es nicht um Macht und Gewalt, hier geht es um Würde und letztendlich sogar um die zärtliche Verehrung des Gegenüber in diesem Drama auf den Höhen der Berge.

Dort oben ist nicht der Mensch, nicht der Wilderer das stolze Wesen, hier dominiert der trittsichere Gamsbock in seinem steinigen Reich. Das Verhältnis von Mensch und Natur, von Hybris und Geduld beleuchtet Erri De Luca in diesem großartigen Roman, dem noch eine kurze Erzählung und ein Anhang mit der Rede zum Petrarca-Preis beigefügt wurden, damit es überhaupt zu einem ganzen Buch reicht.

Man darf hier getrost von ganz großer Literatur sprechen.

Entnommen aus: "Stimmt.de"

Erstellt am 15.06.2017
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